Donnerstag, 28. Juli 2016

Super Tenere überholt

So, nun endlich geht es auch hier mal weiter!

Inzwischen habe ich die "neue" Super Ténéré ja schon über ein ganzes Jahr. Nachdem ich ihr so einige Sachen spendierte sollte es irgendwann auch mal an ihre Optik gehen.
Das Mattschwarz der hinteren und seitlichen Verkleidung gefielen mir schon ganz gut, der schäbige Tank und die Lampenverkleidung sollten einen neuen Look bekommen. Ich entschied mich für ein mattes Anthrazit und Ronnie nahm Kontakt zu seinem Lackiererfreund auf.
Irgendwann Ende letzten Herbstes stellte ich fest, dass die Maschine nur sehr schwer zu schieben war. Wie sich herausstellte, saß die hintere Bremse ziemlich fest.

Nach der Zerlegung erwies sich diese als derbe angegammelt und auch sehr einseitig verschlissen. Also entnahm ich erst einmal die Bremsbeläge, um den Bock überhaupt wieder gescheit bewegen zu können, fuhr die Kiste dann zu Ronnie und stellte den Bock in seiner Schrauberscheune ab.


Dann wurde die entsprechenden Teile demontiert und schließlich zum Lackieren gegeben. Die waren natürlich viel früher fertig als ich Zeit gehabt hätte, alles wieder zusammen zu bauen. Aber das zwischenzeitliche Einlagern störte hier auch nicht, es war genug Platz da.


Während ich nicht zum Schrauben kam war immerhin etwas Zeit zum Lesen, schließlich hatte ich ja immer noch mein Aupuffpatschen.
Es stellte sich recht schnell heraus, dass bei mir mal dringend eine Vergaserüberholung angesagt war. Die Teile der 750er sind leider ohne regelmäßige Pflege/Revision nicht so langlebig wie ich erhoffte hatte. Also baute ich das Ding aus und versuchte mich kurz selber daran. Schnell war mir aber klar, dass ich da besser jemanden mit Ahnung dran lasse.


Diesen Fachmann fand ich glücklicherweise dann auch noch hier in Bielefeld: Moto-Twins, spezialisiert auf Yamahas mit dieser Motortyp-Familie (also XTZ 750, TRX/TDM 850 und TDM 900). Mit dem Chef Jürgen war schnell Kontakt aufgenommen und schließlich hatte ich einen Termin, um ihm meinen alten Vergaser vorbei zu bringen. Beim ersten Sichten machte der schon große Augen, sonderlich gepflegt sah nun wirklich nicht aus.
Die "üblichen" Revisionen bei so einer Laufleistung (waren ja nun halt auch schon etwa 65tkm) mit Ersatzteilen und Arbeitslohn lägen wohl bei etwa 350€. Nun gut, nützt ja nichts....
Nach einigen Tagen meldete sich Jürgen bei mir mit weniger guten Nachrichten: Das Ding sieht von innen noch viel schlimmer aus als von außen und entsprechend müssten noch mehr Teile ersetzt werden. Er wollte gar nicht so wirklich glauben, dass meine ST überhaupt noch gescheit lief.
Naja.... gescheit. Mir fehlte da ja doch der Vergleich, aber eigentlich fand ich schon.
Jedenfalls hatte die Maschine auch schon einmal "Dreck gefressen" und ich sollte auf jeden Fall den Luftfilter checken. Zudem war eine Überprüfung des Ventilspiels auch angeraten, das wäre wohl sicherlich inzwischen auch viel zu klein.

Nun, das hatte Ronnie schon häufiger an seinen KTMs gemacht, also machten wir uns irgendwann ans Werk. Um an den Ventildeckel zu kommen musste natürlich auch erst noch der Kühler samt Schlauch- und Rohrgebilde runter. Und in der Tat, an den Ventilen passte nicht mehr ganz viel.
Im Gegensatz zu den österreichischen Motoren, bei denen es Stellschrauben gibt, wird das Ventilspiel Bei den Yamaha 5-Ventilern über Shims eingestellt, so kleine Unterlegplättchen.
Da zu dieser Sache die Schraubererfahrung fehlte, entschloss ich mich die zerlegte Maschine direkt zu einer Werkstatt zu bringen. Die waren schon etwas amüsiert, als ich mit dem zerlegten Bock dort auf den Hof kam. Den Schrauber freut es, schließlich muss der sich nun nicht mit der aufwendigen Zerlegung der ganzen Maschine kümmern.


Nun folgte noch die Kontrolle des Luftfilterkastens, dessen Innenleben sah allerdings, im Gegensatz zum Rest der Maschine, überraschend gut aus. Ich pustete alles noch ordentlich mit Druckluft aus und schraubte alles wieder zusammen

Inzwischen war auch mein Vergaser fertig und ich konnte ihn abholen. Im Prinzip ist dieser jetzt wie neu und der Jürgen versprach mir, ich würde meine XTZ nicht wieder erkennen. Ich war gespannt. Durch das deutlich Mehr an Arbeit war natürlich auch ein Mehr an Preis fällig.
Gute 500€ hat der ganze Spaß dann doch gekostet, inkl. neuer unterer Gummistutzen...
Meine "Schnäppchen-ST" hat sich inzwischen doch eher als Katze im Sack herausgestellt.
Die "Restesammlung" der ausgetauschten Teile, die Jürgen alle fein säuberlich in einer durchsichtigen Plastiktüte gesammelt hatte, war zumindest ganz beachtlich. Bis auf das Gehäuse schien wirklich fast nichts mehr original geblieben zu sein.

Ein paar Tage später konnte ich die Baustelle dann auch von der Werkstatt wieder abholen.
2 Zylinder, 10 Ventile und 7 davon brauchten neue Shims. Beeindruckende Quote!
So einige waren auch dort sehr weit vom Soll. Nun war also (zumindest in Sachen Ventilspiel) alles wieder gut und ich wieder rund 200€ ärmer.
Nun hatte ich also alle Teile wieder zusammen und somit schraubte ich den ganzen Bock wieder zusammen. Auch hier war die Terminfindung das größte Problem.
Nun also alles Rückwärts. Ventildeckel ordentlich verschrauben, das ganze Kühlergeraffel wieder montieren, Kühlflüssigkeit wieder rein und nun die ganze Vergaserbatterie wieder an Ort und Stelle bringen. Das war wie erwartet eine ziemliche Fummelei, auch bis die Gummistutzen richtig saßen. Das noch größere Problem war dann allerdings, den Luftfilterkasten auf die andere Vergaserseite zu bekommen. Das Draufdrücken der Stutzen wurde nämlich durch den Zentralrohrrahmen behindert oder beendet, wie auch immer. So kam ich nicht weiter.
Schließlich löste ich den Gaser noch einmal vom Motorblock, legte hier dünne Hölzer dazwischen um den ganzen Apparat etwas höher zu bekommen und drückte dann den Luftfilterkasten mit den erwärmten Gummistutzen auf den Vergaser drauf. Schließlich noch der gesamte Trum auf den Motorblock und so funktionierte es. Ächz!
Als nächstes wollte ich eigentlich erst einmal die Funktion der Maschine testen, dummerweise hatte ich den Zündschlüssel inzwischen mit heim genommen (zur Werkstatt nahm ich ihn aus dem Zündschloss und hier in der Scheune wollte ich ihn nicht liegen lassen). Naja, was sollte denn nicht funktionieren? Also baute ich weiter alles munter zusammen bis die Maschine dann irgendwann auch endlich mal fertig war!



Beim nächsten freien Termin nahm ich dann auch den Zündschlüssel mit und wollte doch nun endlich mal eine kleine Probefahrt machen.
Also wieder hin zur Werkstattscheune, Schlüssel ins Schloss, umdrehen und... NICHTS!
Nicht einmal eine Kontrollleuchte glimmte auf. Was ist denn nun nicht OK?
Die Batterie war während der langen Bastelphase einmal ausgeliehen, allerdings kürzlich erst aufgeladen worden. Eine Messung ergab da kein Problem, also kurz mal den Stromlaufplan ansehen. Prinzipiell geht es von der Batterie über die Hauptsicherung (die bei der Batterie ist) direkt zum Zündschloss. Also muss "unterwegs" irgend etwas nicht stimmen.
Also Sitzbank runter und und unter den Tank schauen. Schauen geht sogar ein wenig, aber dran kommen leider gar nicht. Also doch alles wieder runter. Argh!
Verkleidung vom Tank und Tankbefestigung vom Rahmen lösen. Richtig hoch bekomme ich das Spritfass immer noch nicht, weil die beiden Benzinschläuche am Rahmen hängen bleiben. Einfach Schläuche abnehmen geht nicht, weil die Benzinhähne nicht richtig dicht sind.
Also wieder Sprit ablassen....
Nun, irgendwann konnte ich dann endlich an die Kabellage gehen und die Leitungen vom Zündschloss bis in einen Stecker zurück verfolgen. Nachdem ich die Steckverbindung getrennt hatte machte der erste Blick schon keinen guten Eindruck: Ganz schön vergammelt. Und beim ersten Anfassen der einzelnen Leitungen hatte ich auch gleich die erste Strippe in der Hand. Da war der Übeltäter!


Da mir das Material fehlte um den Steckkontakt zu erneuern entschloss ich mich, diese eine Leitung per Quetschverbinder wieder zusammen zu bringen. Die passenden Utensilien waren in Ronnies Werkstatt zum Glück zu finden!
Nachdem das passiert war testete ich nun dann mal die Funktion, bevor ich wieder alles zusammen bauen. Aha, schon leuchtet es im Cockpit! Als nächstes gleich mal einen Druck auf den Starter.... dreht! OK, nun konnte ich wohl wieder alles zusammen schrauben.

Als endlich alles wieder so war wie es sein sollte kam als letztes wieder Sprit in den Tank. Nun der nächste Versuch, Zündung an, den Choke raus und Energie.
Die betagte Yamaha orgelte kaum 2-3s und schon lief der Motor! Wow, das ging deutlich schneller als erwartet. Nach nur wenigen Sekunden konnte ich den Choke auch schon ganz wieder rein schieben, der Motor lief gleichmäßig, ruhig und schön rund. Klang jetzt schon deutlich besser als vor der ganzen Zerlegung! Also schnell in die Klamotten und eine kleine Runde drehen.


Was soll ich sagen.... schon nach wenigen Kilometern wusste ich, was Jürgen mit dem "Du wirst sie nicht wieder erkennen" gemeint hatte! Unglaublich ruhig und rund lief das Aggregat, nahm selbst bei niedrigsten Drehzahlen ganz sauber Gas an und beschleunigte auch deutlich vehementer, als ich das von vorher kannte. Wahnsinn....
Die Hauptarbeit der Komplettrevision schien damit erledigt zu sein, zufrieden fuhr ich heim.
Nun fehlen nur noch diverse Kleinigkeiten: Ölwechsel will ich noch machen und die hintere Bremse muss wieder fit gemacht werden, dazu noch den Kettenöler auffüllen. Nix Wildes mehr.

Bei nächster Gelegenheit holte ich die Maschine dann nach Hause und bei der Heimfahrt machte ich noch einen kleinen Schlenker über die Autobahn A30.
Nachdem ich die 750er gekauft hatte, habe ich so einen Ritt natürlich auch schon einmal gemacht. Sie schaffte damals nach Tacho gute 170km/h. Laut Papieren soll Vmax 180km/h sein, also schon etwas wenig. Gut, ich bin nun auch kein Leichtgewicht und hänge gut im Wind, anfangs noch mehr mit der relativ kleinen Originalscheibe.
Tja, was soll ich sagen? Auf den rund 7km zwischen den zwei Ausfahrten kam die XTZ auf dem Tacho fast an die 200km/h ran. Nicht nur die gefühlte Leistung beim Beschleunigen war nach der Überarbeitung gestiegen, nun hatte ich auch einen deutlichen Beleg dafür.
Von dem ganzen Ansprechverhalten und der Laufruhe will ich nun mal gar nicht reden, ich bin schlichtweg begeistert!

Wirklich eine ganz neue Maschine.... 

Kommentare:

  1. Schön, wenn Aufwand und Ausgaben dann auch eine deutliche Verbesserung bringen.

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  2. Ich finde es immer wieder krass, mit wie "wenig" Arbeit und Geld man so viel rausholen kann, echt hammer!

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